Wie viel Zukunftspotenzial hat Deutschland?

Wie viel Zukunftspotenzial hat Deutschland?

So innovativ sind deutsche Unternehmen

Die Produktivität der deutschen Industrie und industrienahen Dienstleistungen wächst im Vergleich zu den Jahren vor der weltweiten Wirtschaftskrise 2008/2009 nur sehr langsam.

Innovation war schon immer ein entscheidender Faktor, um eine steigende Arbeitsproduktivität und Wirtschaftswachstum zu gewährleisten. Gleichzeitig kann somit der Wohlstand der Gesellschaft gesichert werden.

Die Studie „Innovative Milieus“ der Bertelsmann Stiftung (Oktober 2019) gibt einen ziemlich detaillierten Einblick in die deutsche Innovationslandschaft. In der Studie wurden mehr als 1.000 Unternehmen aus dem Industrie- und Dienstleistungsverbund befragt.

Das Ergebnis: Nur 25 % der deutschen Unternehmen haben einen hohen Innovationserfolg, indem eine Innovationsstrategie verfolgt wird und eine ganzheitliche Unternehmensausrichtung auf Innovation besteht.

75 % können nur mäßige Erfolge erzielen, landen gelegentlich Glückstreffer beim Innovieren oder sehen Innovation noch nicht einmal als wettbewerbsrelevant.

Was sind die Merkmale, die die Gewinner von den Verlierern unterscheiden? Welche Branchen sind innovationsstark? Welche Branchen haben Nachholbedarf?

Innovation Deutschland - Bertelsmann

Ein Viertel der befragten Unternehmen verzeichnen hohe Innovationserfolge

Die Spitzenreiter der innovativsten Unternehmen Deutschlands sind die Technologieführer und die Disruptiven Innovatoren.

Technologieführer sind die Unternehmen mit dem höchsten Innovationserfolg in Deutschland. Sie zeichnen sich durch eine starke Orientierung in Richtung Technologie, Wissenschaft, Forschung und Entwicklung aus. Dies ermöglicht Ihnen, stets neueste Techniken zu entwickeln und diese umzusetzen. Es handelt sich hierbei größtenteils um Unternehmen aus der Chemie-, Pharma-, Kunststoff-, Metall- und Elektroindustrie.

Disruptive Innovatoren stehen an zweiter Stelle. Diese Unternehmen sind offen für Neues und risikobereit genug, um Innovationsprojekte aktiv voranzutreiben. Wie der Name schon vermuten lässt, schaffen es diese Unternehmen, den Status Quo anzugreifen und bestehende Spielregeln auf dem Markt komplett zu zerstören. Allerdings besteht eine weniger stark ausgeprägte Orientierung auf Wissenschaft und FuE. 25 % der Unternehmen in diesem Milieu sind nicht älter als 10 Jahre und zum Großteil in der Informations- und Kommunikationstechnik, in der Medienbranche und in den unternehmensnahen Dienstleistungen tätig.

Gut ein Drittel der befragten Unternehmen erzielt mittelmäßige Innovationserfolge

Die konservativen und kooperativen Innovatoren gehören zum Mittelfeld. 29 % der befragten Unternehmen befinden sich in diesen beiden innovativen Milieus.

Die konservativen Innovatoren schreiben der Forschung- und Entwicklung eine große Bedeutung zu. Allerdings gibt es keine ganzheitliche Ausrichtung der Unternehmenskultur auf Innovation wie es beispielsweise bei den disruptiven Innovatoren der Fall ist. Ebenso wenig gibt es eine klare Struktur hinsichtlich Innovationsprozessen. Der Innovationserfolg ist dementsprechend auch gering. Die Unternehmen aus diesem Milieu sind überdurchschnittlich groß und in den Branchen Chemie, Pharma, Kunststoff sowie in der Metall- und Elektroindustrie tätig.

Kooperative Innovatoren sind sehr stark mitarbeiterorientiert, haben eine gute interne Vernetzung und legen sehr viel Wert auf Kollaboration mit den unterschiedlichen Organisationseinheiten. Innovationsprozesse werden hier als gemeinsames Team und sehr strukturiert durchgeführt. Allerdings sind sie weniger risikobereit, nicht sehr disruptiv und legen wenig Wert auf Technik, Fue und Wissenschaft. Es handelt sich hierbei größtenteils um B2B-Dienstleistungsunternehmen.

Fast die Hälfte der befragten Unternehmen verzeichnen keine oder nur sehr geringe Innovationserfolge

Zufällige Innovatoren, Passive Umsetzer und Unternehmen ohne Innovationsfokus haben sehr geringen Innovationserfolg und stellen mit 46 % fast die Hälfte der befragten Unternehmen dar.

Bei den zufälligen Innovatoren entsteht Innovation gelegentlich durch Trial and Error, d.h. es gibt keine Strategie, die verfolgt wird. Obwohl ein grundsätzliches Interesse für Innovation, Neues und zukünftige Technologien besteht, wird nicht aktiv daran gearbeitet, den Schritt in Richtung Zukunft zu wagen. Diesem Milieu gehören zu 99 % KMU mit einem Umsatz von unter 50 Millionen Euro aus den Bereichen Bau, Logistik und Großhandel an.

Passive Umsetzer können ebenfalls nur geringe Innovationserfolge aufweisen. Innovation erfolgt hier nicht aus eigenem Antrieb sondern eher passiv. Die Unternehmen in diesem Milieu sind gut intern und extern vernetzt und offen gegenüber Vorschlägen zur Entwicklung und Verbesserung von Produkten oder Prozessen. Sie haben weder eine Innovationsstrategie noch Innovationskompetenzen. Auch hier befinden sich größtenteils KMU mit einem Umsatz von unter 50 Millionen Euro. 85 % von ihnen sind älter als 10 Jahre und gehören der Industrie und industrienahen Leistungen an.

Last but not least: Unternehmen ohne Innovationsfokus. Sie stellen die absoluten Verlierer in dieser Studie dar. Für diese Unternehmen ist Innovation nicht wettbewerbsrelevant und es gibt keine Anreize und Bestrebungen, zufällige auftretende Innovationsimpulse zu erkennen oder umzusetzen. Es handelt sich zu 99 % um KMU und gut 90 % von ihnen sind älter als 10 Jahre. Sie stammen zum Großteil aus den Bereichen Logistik und Großhandel.

Innovation begünstigt den wirtschaftlichen Erfolg

Was für viele plausibel klingt, zeigt sich jetzt noch einmal deutlich in dieser Studie. Innovationsstarke Unternehmen sind wirtschaftlich deutlich erfolgreicher als Unternehmen ohne Innovationsfokus. Die befragten Unternehmen mit hohem Innovationserfolg hatten überdurchschnittlich gute Nettoumsatzrenditen. Die Unternehmen mit niedrigem Innovationserfolg lagen deutlich drunter.

Das Gleiche kann beim Beschäftigungsaufbau beobachtet werden. Innovationsstarke Unternehmen bauen vermehrt Arbeitsstellen auf. Das mag aber größtenteils daran liegen, dass die Meisten von ihnen noch jung sind und sich in der Wachstumsphase befinden. Bei Unternehmen ohne Innovationsfokus geschieht genau das Gegenteil. Hier werden zunehmen Stellen abgebaut.

Wenn fast die Hälfte aller untersuchten Unternehmen unterdurchschnittliche Erfolge hinsichtlich von Innovation erzielen, sieht es zum jetzigen Zeitpunkt nicht danach aus, als hätte Deutschlands Industrie großes Zukunftspotenzial. Die Globalisierung schreitet voran und wenn zunehmend Wettbewerber aus dem Ausland in den Markt eindringen, können deutsche Unternehmen zukünftig nicht mit der disruptiven Konkurrenz aus USA oder China mithalten.

Zu erwähnen ist jedoch, dass sich diese Studie lediglich auf durchgeführte Befragung stützt und weniger auf messbare Kennzahlen. Nichtsdestotrotz kann in dieser ausführlichen Untersuchung der gegenwärtige Zustand der deutschen Innovationslandschaft abgelesen werden.

Die Message wird klar: Mehr Unternehmen müssen einen stärkeren Fokus auf Innovation legen, damit Deutschland konkurrenzfähig bleiben kann.

Der Gütehinweis „Made in Germany“ hat es in den letzten Jahrzehnten geschafft, vom damaligen Warnsymbol zum heutigen Qualitätssiegel zu werden. Deutschland beeindruckt seit jeher durch Disziplin, Präzision, Leistungsfähigkeit, Industrie und Technologie.

Nun sollten deutsche Unternehmen dafür sorgen, dass sich das Gütesiegel nicht wieder zu einem Warnhinweis verwandelt, der dieses Mal aber für Schneckentempo, Passivität und Rückschritt stehen könnte.

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